Sehnsucht als Schicksal

„Anmut ist freie Bewegung in der Schönheit. So wie bei Ella Fitzgerald (…), wegen der Kompetenz mit der sie Stücke (…) verkörpert, als wäre sie die Autorin der Werke. Darum verstehen wir jedes Wort. Weil sie weiß, wovon sie singt und frei ist in ihrer Bewegung“

Jochen Distelmeyer in Die Zeit (07/22)

„Für Deutschland bedeutete das Mittelalter mehr als für andere Völker, die seitdem große, lebendige Epochen gehabt hatten: England sein elisabethanisches Zeitalter (…), Frankreich sein Versailles (…).“

Lion Ferdinand in „Romantik als deutsches Schicksal“ (1947)

Übersicht über die Programme von dem Rixdorfer Kammerchor:

Broken Aleluja (Cohen-Songs, Amazing Grace & Co.) – 2021

Ist Lieb ein Feur (Lyrik & Songs vor 1700) – 2022

Sehnsucht als Schicksal (Arbeitstitel, Schubert, Mendelssohn, …) – 2023

Welches ist dein persönlicher Sehnsuchtssong? Eine Pop-Ballade, ein Liedchen von Schubert? Magst du Choräle, „Im Freien zu singen“ von Mendessohn, bist du gar ein Fan von Operngesang, Verdi, Wagner? Herzlich Willkommen bei der Planung unseres CD-Projekts „Ist Lieb ein Feuer“ sowie der Konzertsaison 2023!

Als wir beim Rixdorfer Kammerchor mit der Produktion der Audio-Aufnahmen von Come again, Belle qui tiens ma vie & Co. begannen war gerade Lockdown und unser Auftritt „Broken Aleluja“ war im Eimer. Dies ist nun schon fast 2 Jahre her, und viele der alten Mitglieder, welche ihre Stimmen auf unsere Aufnahmen verewigt haben, sind nicht mehr im Chor.

Trotzdem ist der Chor auf Audio-Veröffentlichung angewiesen. Der Kurator des Zitadelle-Programms „Ist Lieb ein Feur“ war begeistert von unserer „Belle qui tiens ma vie“-Aufnahme. Einhundert Mal dankeschön noch vielmals für Anders (Soundmix) und Stefan (Videoschnitt):

Immerhin Annette, Jenny, Peer, Stefan, Maria, Daniel, Klaudia, also die Hälfte unseres jetzigen Chores sind dort zu sehen. Die anderen Aufnahmen, Come again, April is in my mistress, face, Tourdion, Mein Gmüth ist mir verwirret und Wie schön blüht uns der Maien sind auf unserem Padlet zu hören, ebenso wie die Gedichte von S. Schwarz und M. Stuart.

„Sei nicht mehr so widerspenstig denn mein Herz ist dein (logische Schlussfolgerung!)“

„Um mein Übel zu besänftigen, bitte gib mir einen Kuss“

(Zitate aus Belle qui itens ma vie“)

„Feinslieb du hast mich gfangen mit dein zwei Äuglein“ (Verniedlichung = Erniedrigung?)

Dieses sexistische und patriachale Narrativ von bedürftiger, zwanghafter Liebe ist nicht gerade ein Highlight deutsch/französicher Literatur. Vor allen Dingen dürfen wir das nicht einfach so stehen lassen, ohne Kommentar, ohne Hinweis auf die künstlerische und emotionale Unterdrückung der Frauen, der Hexenverfolgungen und was sich in den Jahrhunderten vor der Aufklärung noch alles an Abscheulichkeiten ereignete.

Mit Heine und Mörike hat das 19. Jahrhundert etwas mehr zu bieten. Der deutsche Idealismus, Kant, Fichte Hegel stand in mit der Romantik, mit der Bildkunst von Ch. D.Friedrich in wechselseitiger Verbindung. Obwohl Opitz, Simon Dach, Sybilla Schwarz, usw. um 1600 ebenfalls klangvolle Verse veröffentlichten, kam keiner der damaligen Kompositionsmeister auf die Idee, diese Gedichte zu vertonten.

Beliebter waren christliche, gehaltvolle Texte oder volksliedhafte, etwas banale Phrasen ohne lyrischen Anspruch. Die Texturherberschaft von „Wie schön blüht uns der Maien“ und „Mein Gmüth ist mir verwirret“ ist auch ziemlich vage/unbekannt, wahrscheinlich volkliedhaften Ursprunges. Vielleicht hätte die Komponisten ein allzu bedeutender sprachlicher Inhalt die musikalischen Erfindungsreichtum eingeschränkt, ohnehin gab es z.B. bei der Entstehung der italienischen Oper um 1600.

„Ist Lieb ein Feuer“ und „Liebe schont der Götter nicht“, diese Gedichte wurden von Ulrike, unserer Ex-Altistin auf die Liste gesetzt. Letzeres der beiden Gedichte könnte die Liste unserer Aufnahmen auch noch ergänzen und verschönern. Dafür wird noch eine Sprecherin gesucht:

Liebe schont der Götter nicht.

Liebe schont der Götter nicht,
sie kann alles überwinden,
sie kann alle Herzen binden
durch der Augen klahres Licht.

Selbst des Phebus Hertze bricht
seine Klahrheit muss verschwinden,
er kann keine Ruhe finden,
weil der Pfeil noch in ihm sticht.

    Jupiter ist selbst gebunden,
    Hercules ist überwunden
    durch die bittersüsse Pein; –

wie dann können doch die Herzen
bloßer Menschen dieser Schmerzen
gantz und gahr entübrigt seyn?

Auch das Petraca-Sonett von Martin-Opitz, mit stimmungsvollem Hintergrundgesumme steht noch auf der Wunschliste, sowie die stimmungsvolle Popballade „Scarborough Fair“, mit seinem stimmungsvollen Parsley, Sage usw. bei dem man sich fühlt wie bei einer schottischen Handelsmesse um 1500. Das lyrische Ich (Autor ebenfalls unbekannt) wünschte sich Linderung durch die Nennung dieser Kräuter.

Album:

1 Belle qui tiens ma vie 2 Tourdion 3 Ist Lieb ein Feur (Gedicht) 4 Come again 5 April is in my mistress face 6 Scarborough Fair 7 Car C´ est seul desir (Gedicht) 8 Mein Gmüth ist mir verwirret 9 Wie schön blüht uns der Maien 10 My Majesty (Gedicht) oder Opitz

Konzert:

1 O Occhi manza mia 2 Belle qui tiens ma vie 3 Tourdion 4 Ist Lieb ein Feur (Gedicht) 5 Come again 6 April is in my mistress face 7 Scarborough Fair 8 Car C´ est seul desir (Gedicht) 9 weiteres Gedicht von M. Stuart mit deutsch/französisch sychron 10 Mein Gmüth ist mir verwirret 11 Feinlieb 12 Wie schön blüht uns der Maien 13 My Majesty (Gedicht) oder Shakespeare 14 Opitz 15 Greensleeves

Romantik als deutsches Schicksal

Wie sieht es nun mit der Wunschliste für unser Romantik-Progamm aus? Schubert hatte sich eine Dame aus dem Alt gewünscht. Ich bitte um weiter Vorschläge von romantischen Komponisten oder Literat:innen. Der Name großen romantischen (und berlinerischen) Komponistin Fanny Hensel ist natürlich bei uns Programm! Die Herren der Musik-Schöpfung, Dirigenten und Musik(er)schaffende sollten bitte demütig den Zylinderziehen und eine tiefe Verbeugung machen vor Fanny Hensel, Alma Deutscher, Clara Schumann, Nannerl (schon wieder so eine Verniedlung!) Mozart, vor den Ladys des Jazz und den selteneren aber umso wertvolleren Literatinnen, Poetinnen und Musikerfinderinnen.

Wie Jochen Distelmeyer, der Schöngeist und Popliterat der einstigen Hamburger Schule so schön eingangs bemerkte: Ella Fitzgerald, Aretha Franklin sowie alle großen Ladys des Jazz haben es uns ja vorgemacht, wie man einen alten Schlager aus dem Blues, Jazz oder Spiritual so singt, als wäre man die Autorin. Deshalb bin ich mit meiner Sehnsucht auf den Burg gestiegen und ans Meer gereist. Natürlich nicht ohne für euch #flyaway zu singen und zu filmen.

Was bedeutete Sehnsucht für die Romantischen Literaten und Komponisten? (man verzeihe das nichtgendern, ich meine wirklich die Männer, s.o.) Das Bindeglied zwischen Ella, Billie und ihren Songs von Gershwin, Ellington & Co. mit den deutschen sinfonischen Romantikern war übrigens Dvořák aus Prag, welcher den Lehrern von u.a. Gershin und Ellington das Komponieren beibrachte.

Es wird gerne so getan, als wäre Blues, Jazz und Pop eine völlig andere Musikkultur als „Klassik“. Aber hörst du die Sehnsuchtsmelodie von „Sinfonie aus der Neuen Welt“ dann hörst du eine pentatonischen Blues-Skala und denkst an Schatz im Silbersee und Blutsbrüder.

Und wirklich haben „romantische“ Popschlager und Jazzschnulzen á la „Fly me to the moon“ einiges mit dem gemeinsam, was in der Epoche der sogannten Musikepoche der Romantik entstanden ist.

Die romantische Orchestermusik wurde von Beethoven aus Bonn eingeleitet. Glecihzeitig war er in seiner ersten Schaffenshälfte auch Wiener Klassiker wie Mozatz und Haydn. Aber er „tranzendierte“ die klassischen Formen und Konventionen. Er wurde zum Prototyp des exzentrischen Genies, der an seiner Biografie und seiner Kunst leidet.

Eine bedeutende deutsche Klassik gab es nur in der Literatur in der kurzen Periode der Weimarer Klassik in den letzten beiden Dekaden des achtzenten Jahrhunderts (und wurde alsbald von „Sturm und Drang“ abgelöst).

Sinnbild des deutschen Romantikers ist das Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer von Ch. D. Friedrich

Der Wanderer über dem Nebelmeer – Wikipedia

Der deutsche Idealismus, die Denker und Philosophen beeinflussten die Malerei, Musik und Dichtung. Nirgendwo konnte die romantische Epoche so lange dominieren, anderswo wurde sie nach zwei Generationen vom Realismus abgelöst.

„Frankreich hatte ein Klassik von zwei Jahrhun´derten (…), hier (in Deutschland) konnte die Romantik frei wuchern (…), modelte den deutschen Charakter um und wurde zu einem schicksalsträchtigen Ereignis wie vorher nur dei Reformation.“

Reformation vs. Romantik

Was haben diese beiden deutschen kulturellen Großereignisse sonst noch gemeinsam? Die neuen Glaubessätze verbreiteten sich in der Welt ebenso wie deutsche Literatur und Sinfonik.

Auch wenn mir aus der Luther-Zeit manches aus der Seele spricht, die Geschichte meines Lebens bringt Novalis, Urstern und Mitschöpfer der deutschen Romantik auf den Punkt:

„Den Sänger zog es voll Freudikeit nach Indostan – das Herz von süßer Liebe trunken, und schüttete in feurigen Gesängen es unter jenem milden Himmel aus (…).“ Novalis: „Hymen an die Nacht“

Über die Refomation schrieb Novalis: „Die Reformation war ein Zeichen der Zeit gewesen. Sie war für ganz Europa bedeutend, wenn sie gleich nur im wahrhaft freien Deutschland öffentlich ausgebrochen war.“

„Wahrhaft frei“?; sicher typisch romantisch etwas übertrieben und verklärt, aber nicht abwegig. In den meisten anderen europäischen Staaten bestanden 1517, zu Beginn der sogenannten Epoche der Neuzeit, monarchische Großmächte, deren Herrscher eine mächtige Staatsmacht ausübten und dabei auch mit den mächtigen Kirchfürsten im Bund waren.

Welche kulturgeschichtlichen Epochen sind außer Renaissance, Mittelalter und Romantik für das Repertoire des Rixdorfer Kammerchores außerdem noch maßgeblich?

Antike-Mittelalter-Renaissance (frühe Neuzeit bis 1789) – Barock – Klassisch Romantische Epoche (Wiener und Weimarer Klassik bis 1800) – Moderne

Novalis verherrlicht und idealisiert das christliche Mittelalter, Reformation und Protestantimus hält er für einen Irrtum. Er prophezeit: „Es wird solange Blut über Europa strömen, bis die Nationen (…) von heiliger Musik getroffen zu ehemaligen Altären in bunter Vermischung treten (…) und ein großes Liebensmahl als Friedensfest (…) gefeiert wird.

Auch das ist ziemlich übertrieben, aber ein pazifistisches Statment gegen Nationalismus, für Diversität und seiner Zeit voraus. 2023 feiert der Rixdorfer Kammerchor den Schöpfungsgeist der Romantik mit einem Mix aus Weltklasse-Poesie und Chorälen von H.Heine, E. Mörike, F. Mendelssohn und der Komponistin Fanny Hensel.

Zum Schluss ein Zitat von von Hugo Distler über Mörike:
Was mich als Chorkomponist gerade zu Mörike hingezogen hat, ist zunächst seine innerhalb des 19. Jahrhunderts, ja überhaupt in der neueren Zeit einzig dastehende elementare rhythmische Kraft und Freizügigkeit, und daneben jene in hohem Maße an das alte deutsche Volkslied gemahnende Objektivierung des poetischen Gefühls durch die künstlerische Formung, die sich, wie das dichterische Werk gerade unseres Meisters beweist, durchaus innige Subjektivität und charaktervoll-eigenständiger Prägung in jedem einzelnen Fall vereinen lässt…“